Monsters of Liedermaching – FÜR ALLE – 15. September 2017 (Rezension)

Auf FÜR ALLE beweisen die Gute-Laune-Gitarrenpoeten der Monsters of Liedermaching, dass ihr außergewöhnliches Bandkonzept auch auf einem Studioalbum funktioniert, und präsentieren 19 abwechslungsreiche neue Songs (fast) ohne Durchhänger.


In Zeiten, in denen deutschsprachige Gitarrenmusik wieder Mainstream ist und glattpolierte, gefühlsbetonte Chartstürmer vom Fließband der vorgetäuschten Authentizität rollen (wie vom Neo Magazin Royale im Frühjahr tiefgehend analysiert), muss man sich vielleicht kurz den Moment nehmen, festzuhalten, dass es sich hier um etwas ganz anderes handelt. Die Liedermacher der „-ing“-Generation wollen mit ihren textlastigen (teils durchgeknallten) eigenen Songs aufmerksame Zuhörer unterhalten und keineswegs im Schuhgeschäft als Hintergrundmusik laufen wie Jim Pandzkos Vorbilder.

MoL Fuer alle Cover
Monsters of Liedermaching – FÜR ALLE. VÖ 15. September 2017

Dass alle bisherigen Monsters-Alben live aufgenommen waren und es für die neue Scheibe erstmals ins Studio ging, ist nun ein Aufhänger, um den viel Wind gemacht wird, aber letztlich zählen doch im Kern die Lieder – und nicht etwa, ob der Bass im Studio knackig genug eingespielt wurde oder hier und da noch ein Klavier hingepasst hätte.

Die Monsters sind als Band schon lange so sehr zusammengewachsen, dass sie einander ihre Songs mit mehrstimmigem Gesang und zusätzlichen Instrumenten bereichern, aber der individuelle Stil sechs einzelner Songschreiber dennoch stets erkennbar bleibt. Da ist ein Studiobesuch doch eine gute Idee. Jedes Mitglied hat mindestens drei (Rüdi vier) Lieder zum Album beigesteuert und entsprechend groß ist die Abwechslung.

Von Fred Timms humorvollen und poppigen Beiträgen schlachtet das schmachtende Nur für dich ein altbekanntes Motiv aus: Zunächst könnte meinen, es würde eine Frau besungen, aber in Wirklichkeit gibt es eine Wendung – das kennt man z.B. aus Reinhard Meys Ohne Dich! (1996), wo mit „ohne dich im Leben / bin ich total daneben“ dann letztlich die Brille gemeint ist; oder aus Götz Widmanns selbsterklärendem Ich liebe mich (2001); oder aus Rüdiger Bierhorsts „heute Nacht werd‘ ich sie besteigen“, was einer Bühne gilt (Bühnensüchtig, 2004). Erfrischend anders ist, dass Fred Timms neuer Song zum Glück auf eine Auflösung des Witzes verzichtet, und alles sogar insgesamt noch vage genug lässt, dass zumindest ein unaufmerksamer Hörer vielleicht gar nicht realisieren würde, worum es eigentlich geht.

Dasjenige Bandmitglied, das unter dem Studiokonzept am meisten leidet, ist wahrscheinlich Totte, der für seinen ausgiebigen Geschichten-Stil und manchmal gewollt simple Gitarrenbegleitungen bekannt ist. Seinen Songs würde eine dünne Liveperformance wahrscheinlich gerechter als die Studioversionen – allesamt mit aufgezwungener Zackigkeit aus Wechselbass und recht monotonem Schlagzeug in den Strophen. Außerdem merkt man sogar, dass eigentlich für ein Livepublikum geschrieben wurde, werden die Hörenden doch in Auftragskiller für die Mafia direkt angesprochen: „Genießt die Show! (…) / Schaut dann und wann zum Nebenmann / und dann auf meine Kollegen!“ Nichtsdestotrotz sind Tottes kreative Songideen wie gewohnt bis ins angenehm Absurde durchexerziert und selbst Katz und Hund wirkt bei dieser durch zahllose Internetvideos und Amateur-Comedians schon abgenutzten Thematik noch recht unterhaltsam, denn auf die authentische Dichtungsweise kommt es an: „Hunde machen Sitz und Platz, ‘ne Katz aber gibt kein’ Fuck / Hunde sind ‘ne Castingshow, Katzen sind voll Punkrock

Fans von Rüdiger Bierhorst kennen zumindest das Lied Dein Fels schon vom PanneBierhorst (Live-)Album das kennt ihr ja von uns (Rezension), aber nun wurde es mit Gitarrensolo und Hintergrundgesängen noch ver-monster-t. Es ist eines der wenigen Lieder mit zwischenmenschlicher Thematik und ganz ohne Ironie oder Augenzwinkern. In diese Kategorie fällt auch Pensens gefühlvolles Sag mir doch, das sich um Zukunftsfragen dreht. Zwei wahre Höhepunkte auf dem Album – es muss halt nicht immer lustig sein.

Was allerdings den Humor betrifft, vermisst man auf dem Album ein bisschen die Sorte Texte, die stramm ausgefeilt vor Wortwitz oder geballten mehrsilbigen Reimen nur so bersten, wie sie in der Vergangenheit schon manchen Anlass zum Schmunzeln gaben. Die meisten neuen Songs bestechen nun eher durch ausgefallene Ansätze, darunter auch Pensens Feuerwehrleute, was ebendiese Berufsgruppe preist, aber nicht in kitschige Schleimerei verfällt, sondern stattdessen gutgelaunt eigentlich banalen Einzelheiten Aufmerksamkeit schenkt: „Der eine fährt die Leiter aus und der Rest sucht den Hydrant“. Dass dann auch noch Phrasen wie „Feuer frei“ und „Wir fang’n dich auf“ in diesem Kontext benutzt werden, ist natürlich die Kirsche auf dem Kuchen.

Eher klassisch witzige Lieder, deren Humor sich mit der Zeit abnutzt, wirken vergleichsweise schwach. Der Schock-Faktor von „Ja, ich hab deiner Mutter in den Schoß gekotzt“ (aus Rüdis Ich Sonnenschein) verschwindet wohl nach mehrmaligem Hören. Die ausgefallene Melodieführung und das jazzige Arrangement retten den Track allerdings.

Da kommt dann der Studio-Faktor also doch wieder zum Tragen. Ist es jetzt also so dramatisch, dass mit der Live-Album-Tradition gebrochen wird? Nicht wirklich. Vielen Liedern steht ihre erweiterte Instrumentierung ganz gut; es ist auch nie allzu übertrieben: hier ein bisschen Klavier, da ein bisschen rhythmisches Klatschen – damit kann man gut leben… Die meisten Songs weisen allerdings Schlagzeug bzw. Perkussion auf, was im positiven Sinne ein Gefühl von Einheitlichkeit vermittelt oder im negativen Sinne liebgewonnene Unterschiede ein wenig gleichbügelt – vielleicht eine Geschmackssache.

Für ein musikalisches Highlight, bei dem das ausgiebige Arrangement eine wahre Bereicherung ist, muss man bis zum Schluss des Albums warten. Rüdis Morgenstern (das er auf Solo-Tour schon mit Loop-Station vorgestellt hat) vermittelt eine meditative Stimmung und hat einen Ohrwurm-Refrain, dem man sich kaum entziehen kann.

FÜR ALLE wäre sicherlich ein guter Einstieg für potenzielle neue Monsters-Fans, auch wenn die Alteingesessenen wohl auf Live-Shows schwören werden. Das Gute ist, dass bei den Monsters – damals wie heute, egal ob live oder auf Platte – immer „für alle“ etwas dabei ist.


Album VÖ: 15. September 2017 – Odyssey  (Rough Trade)
Previews: Scheiß CD (YouTube-Video), Photoshop (YouTube-Audio)
Vorbestellung CD/LP/Bundles: MoL-Shop
Tourdaten: MoL-Webseite

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